Von Kunsthunger und Hungerkunst

Autor|in: Annelie Andre
Veröffentlichung: 15. April 2020

Ich wurde eingeladen, als Künstler*in und Autorin über das Leben in der Corona-Zeit zu schreiben. Die Kunst ist in der Krise. Wo fängt sie an? Wo fange ich an? Damit, dass all meine Jobs und Projekte bis zum Ende des Sommers abgesagt wurden? Dass ich an manchen Tagen voller Tatendrang verrückte Pläne schmiede und an anderen zutiefst lethargisch an die Decke starre oder mir belanglose Serien reinziehe? Damit, dass wir keine Ahnung haben, wie es weitergehen wird mit dem Tanz und der Welt oder damit, dass ich vorgestern mit meinen indischen Kolleg*innen voller Euphorie über Zoom getanzt habe?

Ich bin erstmal überfordert und lasse die letzten Wochen Revue passieren: eine Achterbahnfahrt. Schwankend zwischen echter Besorgnis, einer zunehmenden Entspanntheit und der kribbeligen Aufregung darüber, ein epochales Ereignis aktiv erleben und mitgestalten zu können. Wenn ich mich so durch die sozialen Medien scrolle (und das tue ich zurzeit oft), sehe ich viel Tanz. Menschen, die in ihren Küchen improvisieren, Menschen, die vergangene Produktionen hochladen oder online Tanzklassen anbieten. Bekannte Häuser, die ihre Archive öffnen und großartiges Theater ins Wohnzimmer bringen. Doch warum nehmen wir es eigentlich als selbstverständlich hin, Kunst- und Kultur abermals for free bereitzustellen?

©Katharina Huber

©Katharina Huber

Die Krise war schon vorher da

Wir haben Kunst immer schon für wenig Geld gemacht. Uns voller Leidenschaft in unbudgetierte Projekte geworfen, zumindest für die Sichtbarkeit. Wir haben hingenommen, dass wir finanziell kaum abgesichert sind. Projekte initiiert, weil es eben befriedigend ist, mit arbeitswilligen Kolleg*innen an einem größeren Etwas zu arbeiten, eine gemeinsame Vision zu haben. Und nun befinden wir Künstler*innen uns vermeintlich wie aus dem Nichts in einer existenziellen Krise. Doch die Krise war schon vorher da. Festgefahrene Machtstrukturen in großen Häusern, der immer noch vorhandene Gender Pay Gap, eine bisweilen intransparente Einkommensverteilung und in der freien Szene sowieso viel zu viele Künstler*innen und viel zu wenig Geld. Die meisten von uns jobben in Bars, im sozialen Bereich oder an Theaterkassen, um überhaupt künstlerische Arbeit machen zu können. Und nun bangen viele um ihre Existenz, denn an Rücklagen war nicht mal zu denken. Sollte es nicht gerade jetzt ein Ziel sein, dass Kulturinstitutionen, die freie Szene und politische Entscheidungsträger*innen den Dialog suchen und sich gemeinsam für eine transparentere Einkommensverteilung einsetzen?

„Das Leben ist ganz Beliebigkeit und Wirrnis; die Kunst ganz Unterscheidung und Auswahl.“ (Henry James, Autor).

Je beliebiger die Kunst wird, desto mehr laufen wir Gefahr, uns selbst ein (Tanz)bein zu stellen. Es herrscht tatsächlich eine Verwirrung, eine globale Irritation, der wir gerade als Kunstschaffende mit kühlen Köpfen und warmen Herzen begegnen sollten. Wir müssen Schall und Rauch von Wahrheit und Essenz unterscheiden – auf politischer und künstlerischer Ebene. Ich sehe vieles, das unter normalen Umständen niemals veröffentlicht werden würde. Warum also jetzt? Klar, gute Kunst ist relativ. Doch ich behaupte, dass man auch als Laie sehen kann, ob ein Werk aus einer Entscheidung, einer ehrlichen Auseinandersetzung heraus entstanden ist, oder auf leeren Hüllen basiert, die laut sein wollen und doch nichts sagen. Und nein, ich spreche nicht davon, dass es unter den momentanen Bedingungen eben nicht immer möglich ist, technische Höchstleitungen zu vollbringen. Auch raue no-budget-do-it-yourself-Experimente haben durchaus ihre Berechtigung und Relevanz, solange sie auf ihre ganz eigene Weise authentisch sind und nicht vorgeben, etwas anderes zu sein. Zu spielen, zu experimentieren, sich schmutzig zu machen ist vielleicht gerade wichtiger denn je. Kein Kind macht sich darüber Gedanken, ob sein Raumschiff aus Sand authentisch ist.

Im Theater kann man nicht weiterklicken

Tanz und Theater leben davon, das Publikum in eine neue, unbekannte Welt mitzunehmen, alle Sinne anzusprechen und dem Potenzial, sich neu als Gemeinschaft wahrzunehmen. Dies fällt unter den derzeitigen Umständen fast komplett weg: Kunst reiht sich im Netz in eine Fülle an anderen Informationen wie Nachrichten, Katzenvideos, wissenschaftliche Corona-Berichte, Musik, Naturdokus, Finanzratgeber etc. ein. Man klickt sich mal hier rein, mal da, die Konzentrationsspanne sinkt auf ein Minimum und man kommt kaum an den Punkt, überhaupt noch tiefgreifender über das Gesehene zu reflektieren. Hier eine WhatsApp Nachricht, da ein Anruf von Mama und außerdem wollte ich gerade die Wäsche aufhängen.

Im Theater kann ich nicht weiterklicken, wenn es ungemütlich wird. Erst in einem Zustand der Irritation, des Aushaltens, des Ausgesetztseins kann sich wirklich etwas bewegen. Dann nämlich erheben wir uns aus den Theaterstühlen und haben das dringende Bedürfnis, über das Erlebte zu sprechen. Wir haben Lust zu diskutieren, das Stück mit unserer eigenen Realität in Verbindung zu bringen und unseren eigenen Standpunkt zu definieren. Wenn ich mir auf meinem Screen ein Theater- oder Tanzstück anschaue, unklar, ob ich es überhaupt bis zum Ende schaffe, habe ich danach zugegebenermaßen keine Lust, mich über Zoom für einen After Talk zu verabreden. Auch wenn ich es tatsächlich mal so weit gebracht habe, mein Schlafzimmer in ein Tanzstudio umzufunktionieren, um auf das Video schielend einer blechernen Stimme zu folgen, die Bewegungsabfolgen in meinen Körper bringen will, bin ich danach nicht satt. Es ist wie Fondue essen – alleine.

©Annelie Andre

©Annelie Andre

Ich will wieder schwitzen – gemeinsam

Ist es nicht beeindruckend, wie Kunst, die von realer Körperpräsenz, einem gemeinsamen Erlebnis, dem Schaffen einer neuen Welt lebt, scheinbar nahtlos in ein anderes, ein digitales Medium transferiert wird? Neben all dem Staunen darüber und den Möglichkeiten, die es bringt, macht es mir Bauchschmerzen. Gewisse digitale Formate schaffen sehr wohl auch Verbindung und tatsächlich funktionieren Online-Klassen für viele gut. Wir bleiben in Bewegung und fühlen uns weniger allein. Doch es trennt uns zugleich von der eigentlichen Quelle, von dem Potenzial der darstellenden Kunst, uns im Probenraum und auf der Bühne gegenseitig zu befeuern, in der Gegenwart auf der Suche nach einer Essenz zu sein, Kritik zu üben und kollektive Utopien zu kreieren.

Dabei breitet sich auch eine gewisse Leere aus. Die wird wohl erst wieder gefüllt werden, wenn ich mit atmenden, schwitzenden, voll präsenten Körpern in einem Raum sein werde und die Welt danach anders wahrnehme, vermute ich. Weil wir Energien verschmolzen und Räume transformiert haben werden.

Wir sind alle Inseln

Ich hatte noch nie so wenige (physische) soziale Kontakt wie zurzeit und doch beobachte ich einen außergewöhnlichen Solidaritätssinn in der freien Tanzszene. Ich spüre die Existenz einer Community, die sich vernetzt und gemeinsam nach Möglichkeiten sucht, mit der Krise umzugehen. Ich freue mich über Newsletter von Tanzbüro, Kulturförderpunkt, IG Freie Theater etc., die wirklich tolle Arbeit leisten und uns mit relevanten Infos zu Hilfstöpfen, Petitionen und Bildungsangeboten versorgen. Kompetitionsgedanken werden unwichtig. Wir sitzen alle im selben Boot. Oder momentan besser: wir sind alle Inseln, die hoffen, den Untergang irgendwie abwenden zu können. Die hoffen, dass der Meeresspiegel nicht steigt und alles mühsam Aufgebaute mit sich reißt. So abhängig wir als Inseln vom Meer und seinen Strömungen sind, so sind wir es als Künstler*innen von Politiker*innen, Jurys, Auswahlverfahren. Isoliert basteln wir Antrag um Antrag um Antrag und dann: Daumen hoch oder Daumen runter, ab auf die Yacht oder weiter mit dem Floß. Ich frage mich: Wird sich dieses Klima irgendwann wandeln? Denn: Inseln – das sind wir immer. Wir wollen individuell sein und uns behaupten. Wir grenzen uns ab. Meine Kunst von deiner, meine choreografische Handschrift von deiner. Die eigene Einzigartigkeit, die Grenzen und Essenzen zu definieren ist das, wonach wir streben. Irgendwie einsam.

Was bleibt uns also? Wie können wir die gerade aufkeimende Solidarität nutzen, um Brücken zu bauen, uns gegenseitig zu unterstützen, für unsere Visionen zu kämpfen? Wir brauchen einen Wandel des Kultur-Klimas. Dabei denke ich an konkrete Maßnahmen wie ein Grundeinkommen und genau jetzt ist der Zeitpunkt, uns dafür stark zu machen. Denn mit gelegentlichen Rauchzeichen wird es nicht getan sein.

Syntagma_©Jochen Nuenning

Syntagma_©Jochen Nuenning

Sichtbar bleiben – aber womit?

Es ist wichtig, auch in Zeiten der physischen Distanz sichtbar zu bleiben. Jedoch mehr in Gestalt einer manifestierten Gesellschaftskritik und Reflexion über die seit jeher prekären Arbeitsbedingungen und weniger als wahllos ins Netz gepustetes Konfetti, das nach einem kurzen Unterhaltungsmoment eben so schnell verschwindet wie es aufgetaucht ist. Wir sind keine Systembehübscher*innen, keine verträumten Gestalten, die ab und an einen Funken anders Sein in den grauen Isolationsalltag bringen. Wir arbeiten weiter, wir spinnen neue Ideen und beobachten wachsam politische Entwicklungen. Allerdings sollten wir gerade jetzt zwei mal überlegen, was wir mit uns als Künstler*innen assoziiert haben möchten, wem wir unsere Stimmen verleihen und wie wir unsere Kräfte einsetzen. Jetzt ist die Zeit, über unsere Bubbles und Selfiesticks hinauszudenken. Warum haben wir eigentlich solche Angst, dass wir in Vergessenheit geraten, wenn wir nicht mindestens ein Tanzvideo oder ein Selfie pro Tag posten? Tun wir es aus einer Verzweiflung heraus oder ist es eine Art Selbsttherapie? So nach dem Motto: Solange wir eifrig weiter produzieren, solange wir sichtbar bleiben, solange wir auch nur ein Stückchen unserer Selbst in den Online-Kultur-Pot werfen können, fühlen wir uns lebendig. Doch Klicks und Likes werden uns leider nicht aus unserer Notlage retten.

Ich frage mich, ob wir vieles nur zeigen, um geliebt zu werden. Doch welche Art von Liebe ist das und warum sind wir so hungrig danach? Viel spannender ist doch gerade: welche tiefere Bedeutung messen wir uns innerhalb und abseits unseres Künstler*innen-Ichs bei und wo finden wir Sinn und Erfüllung?

Wir sollten uns rar machen

Wenn wir Künstler*innen uns ein wenig rar machen, wird das, was wir kreieren, an Kraft gewinnen. Wenn wir ernst genommen werden wollen, müssen wir auch unsere ganz und gar menschlichen Existenzängste ernst nehmen. Was ich gerade nicht haben kann, möchte ich noch mehr. Und wenn ich es dann später bekomme, ist die Freude und Wertschätzung umso größer. Das gilt sowohl für die Position der Künstler*innen als auch für die des Publikums. Warum also nicht den Entzug verschärfen, anstatt zu versuchen, unsere gewohnten Routinen unreflektiert im Netz zu reproduzieren?

Wir sind mehr als das, was wir bisher angenommen haben. Wir sind mehr als das, was wir bisher von uns gezeigt haben. Zuerst erforschen und dann raus damit! Lasst uns diesen unerwarteten Leerlauf doch nützen, unsere heißgelaufenen Nervensysteme ein wenig zu entspannen, zur Ruhe zu kommen. Und ja, wir dürfen uns hilflos fühlen, wir dürfen langsam sein. Tauschen wir uns doch lieber offen und ehrlich darüber aus, was die Situation mit uns macht, was wir wahrnehmen, was uns wirklich bewegt, anstatt rastlos nach neuen Produktionsmöglichkeiten und Präsentationsplattformen zu suchen. Vielleicht sollten wir uns damit anfreunden, dass wir in Zukunft unsere Tätigkeit als Künstler*innen neu erfinden müssen. Und zwar als Menschen, die extrem nützliche Kompetenzen im Gepäck haben, die nun wichtiger sind als je zuvor: die Fähigkeit, Menschen trotz physischer Distanz zusammen zu bringen, nach unkonventionellen, kreativen Lösungen zu forschen, Fragen zu stellen und zu improvisieren.

Tanz ist systemrelevant

„Tanz ist systemrelevant!!!“, schreit es aus unseren isolierten Körpern und Köpfen. Ja, Tanz ist definitiv systemrelevant. Doch er wird nicht unbedingt intensiver als solches wahrgenommen, wenn wir unüberlegt Dinge teilen, die wenig aussagen. Wenn wir uns den Druck machen, Werke, die für die Dreidimensionalität geschaffen wurden, in zweidimensionale Abrisse davon zu pressen. Wenn wir uns stetig und mehr als je zuvor unter unserem Wert verkaufen. Wie können wir unsere Standpunkte äußern, wenn wir dies in näherer Zukunft nicht auf den gewohnten Plattformen und mit körperlicher Präsenz tun können? Wie können wir die neuen Medien bestmöglich zu unseren Gunsten integrieren und sie nicht als Mitfahrgelegenheit sondern als Motor nutzen? Manche Dinge sind unersetzlich – körperliche Berührung, ein direkter Austausch von Angesicht zu Angesicht, das Glas Rotwein mit Freund*innen an der Theaterbar. Und doch braucht es eine experimentelle, reflektierende Haltung, eine Offenheit für digitale Lösungen, die bis zu einem gewissen Grad durchaus das Potenzial haben, kollektive Erlebnisse und das Schaffen neuer Perspektiven zu ermöglichen.

Wir sind kreativ. Und wir sind viele. Der Hunger auf Kunst wird auch von dieser Krise nicht gestoppt werden. Vielmehr bietet er die Chance, über den Tellerrand hinaus zu blicken und starke Visionen für ein solidarisches Miteinander zu entwickeln. Krisenzeiten haben seit eh und je große Kunst und bahnbrechende Ideen hervorgebracht – entstanden in verschiedenen Formen der Bedrängnis und Isolation. Bleibt also zu hoffen, dass es auch diesmal so ist.

©Katharina-Huber3

©Katharina-Huber

Annelie Andre rapt (auch)

Als Dr. Ann Lee hat sie eine Nachricht für dich: Wenn du dich aufregst und down bist, weil du dein Leben wegen Corona gerade ein wenig einschränken musst, vergiss nicht, dass es dir immer noch massig besser geht als vielen anderen. Check dein Privileg! Lyrics by ©Annelie Andre Beat by ©rilbeats All rights reserved.*

*aus der Einleitung ihres Rap-Posts auf you-tube, den wir HIER zeigen

Annelie Andre ist seit einem Jahr im Nachwuchslabors “dance&dare” – rewriting dance von TANZweb.org, in dem es darum gehen soll, eine adäquate, intermediale Form für das “schreiben” über Tanz zu entwickeln. Die “young professionals” im Bereich Tanzjournalismus, Medien und Film sind häufig selbst professionelle Tänzer*innen und Choreograf*innen (gewesen). 

Annelie Andre (A), hat 2018 ihren Master in Choreographie mit dem Stück „Laws of Power“ am HZT Berlin (UdK/Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch) abgeschlossen. Zuvor hat sie „Zeitgenössische Tanzpädagogik“ an der MUK (Musik und Kunst Privatuniversität) in Wien studiert. Sie arbeitete als Performerin und Choreographin in kollaborativen Projekten als auch in eigenen Arbeiten, u.a. für die Volksbühne Berlin (Moby Dick. 2019. Regie: Anita Vulesica). Sie ist als Musikerin mit Loopstation, Handpan, Klavier und Stimme in unterschiedlichen Konstellationen und Kontexten tätig. Seit 2019 ist sie Teil des „dance&dare“ Nachwuchslabors für Tanzjournalismus. 2019 erhielt sie die Einstiegsprojektförderung des Berliner Senats für ihr Soloprojekt „META“ und war Resident Artist des internationalen Residenzprogrammes auf Schloss Bröllin. Von Juli bis September 2019 nahm sie an der BangaloREsidency teil, gefördert durch das Goethe Institut Bangalore/Indien, wo das Gruppenstück „SHAK | WE“ entstand. Im Februar 2020 zeigte sie ihr Solo „minimal_drift” in Berlin und choreographierte das Stück „alright_OK“ für den Abschlussjahrgang an der MUK Wien. Für 2021 erhält sie ein Residenzstipendium im Künstlerhaus Lukas/Ahrenshoop. Als Künstlerin gilt ihr besonderes Interesse der interdisziplinären Verbindung von Tanz, Text, Raum und Sound sowie der Transformation des Theaterraums in einen vielschichtigen Ort des Erlebens.