Une Minute de Danse par Jour N° 15©Nadia Vadori Gauthier

Une Minute de Danse par Jour N°15 – Man wechselt die Straßenseite

Autor|in: Thomas Hahn
Veröffentlichung: 30. April 2020

Eine Minute Tanz pro Tag

Ob mitten in einer Demonstration, mit Bauarbeitern, in einer Bäckerei oder in der eigenen Küche: Nadia Vadori-Gauthier filmt ihren Tanz. Täglich. Schon über 1.900 Mal, wo immer sie gerade ist. Meistens in Paris. Wie durchlebt ein solches Projekt die Zeiten von Covid-19 und Social Distancing?

Une minute de danse par jour : Jeden Tag eine Minute tanzen. Nadia Vadori-Gauthier praktiziert das schon seit dem 14. Januar 2015. Täglich landet ein Video im Internet, gepaart mit einem kurzen Text. Auslöser ihrer Pop-up-Auftritte in Stadt und Land war der Schock der Attentate im Januar 2015, als islamistische Fundamentalisten im 11. Arrondissement von Paris die Redaktion der satirischen Wochenzeitschrift Charlie Hebdo dezimierten. Die Veränderung des Klimas war sofort spürbar. Seitdem tanzt Vadori-Gauthier draußen oder drinnen, allein, mit Gefährten oder mit Passanten. Es ist eine sanfte, ständige Demonstration für weniger Härte, weniger Abgrenzung. Vor allem steht ihr Projekt unter Nietzsches bzw. Zarathustras Stern: „Verloren sei uns der Tag, wo nicht ein Mal getanzt wurde!“, heißt es in „Also sprach Zarathustra“.  Aus dem Grauen des Terrors zog sie die Kraft, eine neue Phase ihres Lebens als Künstlerin zu beginnen.

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Man wechselt die Straßenseite

Vielleicht erinnerte Vadori-Gauthier sich daran, dass sie noch am 29. Februar, in Spuckweite, mit ihrem Tanz den Barkeeper einer legendären Musikkneipe des Viertels amüsierte (danse 1873). Ergo: „Keine Lust, hier hängen zu bleiben.“ Es war eine Art Vorahnung. Heute sagt sie unverhohlen dass sie sich auf den leeren Straßen bedrohter fühlt als je zuvor von Polizisten mit Schlagstöcken. „Wenn jemand auf mich zukommt, dann ist das eine zwielichtige Gestalt.“ Die „normalen“ Zeitgenossen sind in ihren Wohnungen. Oder sie wechseln die Straßenseite, wenn sie die Tänzerin erblicken. Niemand will mehr mit niemandem in Kontakt kommen, so lange man etwas – seine Gesundheit – zu verlieren hat. Wer sich jemandem bewusst annähert, geht oft nicht gerade, stottert, sabbert und hustet. Es sind die Obdachlosen, denen kaum noch jemand beisteht und die verzweifelt Hilfe suchen. Was mag inzwischen aus dem Rumänen Nello und dessen Hund geworden sein, denen sie genau zwei Jahre zuvor begegnet war?