ICHundICH_Schauspiel Wuppertal©TANZweb.org_Klaus Dilger

Theater im Wohnzimmer – Eine Reise

Autor|in: Annelie Andre
Veröffentlichung: 28. April 2020

Was wäre, wenn Tanz- und Theateraufführungen nur noch ohne Publikum stattfinden könnten? Annelie Andre hat sich die Ausstrahlung (neudeutsch: streamining) von ICHundICH des Schauspiel Wuppertal, entstanden 2019 im Else Lasker-Schüler Jahr, auf nachtkritik.de angeschaut…

 

Nachdem ich mich für den heutigen Theaterabend ein wenig schick gemacht habe, lass ich mich in meinen Lehnstuhl sinken und rücke den Laptop zurecht. Die Boxen sind angeschlossen, das Smartphone auf Flugmodus und dann kann es auch schon losgehen. IchundIch (Schauspiel Wuppertal, 2019) von Else Lasker-Schüler gibt es ab jetzt für 24h auf nachtkritik.de kostenlos zu sehen. Ich bin gespannt.

Unzählige schwarze Stiefelpaare im Raum. Von Beinen verlassen.
Stiefel und Stiefel.
Ich und Ich.
Wo bist du?
Der Platz neben mir ist leer.

Das Gesicht der Darstellerin ist nur einen halben Meter von mir entfernt.
Hier in meinem Wohnzimmer kann ich ihren Atem nicht spüren. Nah ist sie mir trotzdem.
In den ersten Sekunden ist es, als spiele sie nur für mich, als würde sie mir eindringlich etwas Wichtiges erzählen wollen. Ich möchte ihr gerne weiterhin lauschen, in all ihrer Klarheit und Eleganz, doch innerhalb der nächsten anderthalb Stunden werde ich sie verloren haben.
Und: ich werde mich verloren haben in einem Rausch oder besser – einem wirren Rauschen.

ICHundICH_Schauspiel Wuppertal©TANZweb.org_Klaus Dilger

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Gedanken, Fragen, Gesänge.
Sie verlieren sich im Sand
in den Mauern
in den Köpfen
und treffen dann im Zentrum aufeinander.
Sie prallen
aneinander
an
einander
ab,
verweben sich,
schwinden,
verschwinden.

Der Raum wird erst nach und nach in seiner Gesamtheit sichtbar. Wie einige der Fragmente aus Text, Körper und Klang, die sich in meine Aufmerksamkeit drängen. Viele erschließen sich allerdings bis zum Schluss nicht.
Inmitten einer poliert industriell anmutenden Halle ist eine große kreisförmige Fläche voller Sand.
Das Publikum wird zum Teil der Szenerie, im Dunkeln gelassen. Ich fühle mich nicht integriert.
Ich empfinde Empathie für die Dunkelheit.

Es ist zu hell hier drin.
Saallicht aus, bitte.

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Hierarchie.
Mein Blick wird dirigiert. Auf nackte Füße im Sand, fallende Körper, die Szenerie von der Ferne.
Ich bin nicht frei in dem, wie und was ich betrachte. Mein Auge wird manipuliert.
Und doch begebe ich mich zuweilen gerne und freiwillig in die Hände der Kameraführung.
Dem Theater im Wohnzimmer sollte man doch eine Chance geben, oder?

Ich könnte auf Pause drücken. Vorspulen.
Doch ich tauche ein.
Setze mich aus.
Auf Pause drücken.
Vieles taucht auf und verschwindet wieder.
Niemand wird wissen ob ich da war, applaudiert habe, weggeschaut habe.
Es gibt keine festgelegten Rollen. Nur die Dichterin, eine grazile Frau, die leicht hinkend ihre Kreise um das Meer aus Sand zieht. Sie und eine weitere Darstellerin, die sich nervös und scheinbar ausweglos immer wieder in den Sand wirft und die Bühne durchkreuzt, bilden für mich die einzigen Konstanten in dieser fragmentierten Inszenierung.

Ein Spalt. Eine Spaltung. Ein Abspalten.
Eine Teilung, voller Klarheit und kahler Härte.
Faust und Mephisto als Zwillingspaar.
Das Ich und das Ich,
das Gute und das Böse
in einem Körper wohnend,
verknüpft durch ein ewiges Ringen
um Eigenständigkeit und Verbundenheit.

Ich sitze in meinem Lehnstuhl und bin eigenständig und verbunden zugleich.
Ich und ich.
Stiefel und Stiefel.
Ich und der Bildschirm.
Das Theater und ich.
Vergangenheit und Gegenwart.

„Vier Gäste, es sind vier Gäste“, ruft sie.
Mit mir sind es fünf.
Sie brüllen: „Adolf, warum hast du mich verlassen?“

ICHundICH_Schauspiel Wuppertal©TANZweb.org_Klaus Dilger

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In meinem Lehnstuhl führe ich einen Kampf gegen die Diktatur der orientierungslosen Kamera.
Doch dann wird mir klar, dass es die Grundstimmung des Stückes nur verstärkt.
Verwirrt, ein wenig essenzlos und ohne Ziel. Egal, welche Stimme zu welchem Körper, welche Antwort zu welcher Frage gehört.
Ich habe aufgegeben, mich dagegen zu wehren und schweife ab.

Körper überschlagen sich wie Worte.
Schwarze Röcke fallen von der Decke und legen sich bedrückend wie der ungewisse Ausgang des Geschehens über alles Lebende.

“Adolf, warum hast du mich verlassen?“

Ein Mann spricht hebräisch, in lautem, intensivem Ton. Sie haben sich um ihn versammelt.
Ich verstehe nur Heinrich.
Und da ist wieder diese Frau, die sagt: „Und überall nur Finsternis und nirgends Lichtung.“
Mein Nicht-Verstehen bekommt eine neue Bedeutung, es bleibt im Dunkeln.
Später wird man versuchen, mir alles zu erklären. Danke, aber nein danke.

Klassische Musik erklingt. Die Darsteller*innen winden sich im Sand, bäumen sich auf, als suchten sie etwas. Sie hatten – so scheint es – jedoch nie die Hoffnung, es zu finden.

Eine Lüge. Im Boden stecken diesmal keine Antworten.

„Ich liebe dich“, erklingt es im Chor. „Wir sind alle Operettenstars“, verkündet ein Darsteller.
Danke, aber nein danke.

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Dann wird der aufgewühlte Sand zwar geglättet, doch das wars. Weder die unruhigen Körper, noch die aufgebrachten Stimmen, noch meine flüchtigen Gedanken werden dadurch vertieft oder geordnet.
Kurz darauf vergraben Menschen Totenschädel im Sand als würden sie Kartoffeln in die Erde setzen und auf eine prächtige Ernte hoffen.
So wie Adolf seine Ideologie in das Volk gepflanzt hat? Die Früchte waren vergiftet.

Drei Könige mit fetten Bäuchen und dicken Wollmänteln schieben sich in mein Sichtfeld. Nach und nach bemerke ich, dass es mehr sind. Vier, nein fünf, nein sechs. Ja, genau sechs.
Es folgt eine Szene mit Rangeleien, Stürzen und Überschlägen. Aufgebracht gestikulierend und überspannt schmeckt dieser Versuch wild zu sein – wie eine Suppe ohne Salz.
Die Schädel werden wieder ausgegraben und unter Kleidung gestopft.
Als wäre der Tod unsichtbar, solange man ihn unter der eigenen Haut versteckt.

„Die Welt ist ja fantastisch in der Menschenfantasie.“
Alles kann, nichts muss.

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Dann werden Spielzeugpanzer durch den Sand gezogen.
Im Text schießen Flammen aus dem Wein.
Überall Symbole.
Sie geben mir das Gefühl, zu wenig zu wissen, doch sie helfen mir auch nicht weiter.
Panzer, Judenstern, Hitler-Bart, Schädel, Stiefel, Blut.
Ich möchte lieber an der Oberfläche bleiben, so wie es mir gezeigt wird.
Denn wer weiß, welche Abgründe sich dahinter verbergen könnten.

„Die Welt ist ja fantastisch in der Menschenfantasie.“
Man kann auf und zu machen was man will.
Ich könnte auf Pause drücken. Vorspulen.
Im Theater geht das nicht.
Im echten Leben auch nicht.

Ich und ich.
Im Wohnzimmer.
Stiefel und Stiefel.
„Vier Gäste, es sind vier Gäste!“
Mit mir sind es fünf.

Nackte Beine ragen deplatziert in all dem Chaos in die Luft.

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Männer machen sich wieder mal alles unter sich aus, die Frauen halten unscheinbar den Rahmen. Und doch wohnt ihnen die größte Kraft inne.
Eine Kernkraft.
Die Bühne ist der Uterus, eine Blase, die ihre eigenen Regeln hat.
Es wohnt ein trotziges Kind darin, das seine Identität noch nicht gefunden hat.
Mutter ist trotzdem da.

„Die Mutter ist die Patin beider Hälften.“

Ist diese weibliche, beschützende Figur die Lösung unserer verzweifelten Versuche,
die Kontrolle zu bewahren?
Ist sie willkommene Gebärmaschine, Hüterin der Ideologie?
Ist sie einziger Lichtblick in der Dunkelheit, Kämpferin der Wahrheit?
Wer nährt und beschützt uns, wenn es nicht Gott und auch nicht Adolf ist?
“Wer ist Gott? Es ist als ob er gestorben wäre.”
Wer bietet uns also Heimat?
Unsere Mütter? Mutter Erde?
“Wir wollen uns in ihr Fleisch graben.“

Nicht flennen, Dr. Faust, alles wird gut.
Die Heimat unter Mutters Brust, eine Sehnsucht.
Die Knochen ohne Fleisch, die die Gliedmaßen verlängern und sich suchend durch die dicke Luft tasten, verdeutlichen die Spaltung zwischen Vergangenem und Gegenwart.
Es muss etwas Totes geben, um das Leben zu spüren.
Macht das Lebendige Ich nur durch das abgetötete Sinn?
Müssen wir Menschen immer weiter töten, um uns am Leben zu halten?

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Ein ewiger Kampf.
Mein Kampf
Unser Kampf.

Der imaginäre Felsbrocken wird bis zur Verausgabung hoch gehievt und trotz Lichtblicken weiß jeder, dass er wieder zurückrollen wird.
So wie der Sand immer wieder durch die Finger rieseln, so wie die Zeit immer weiter voranschreiten wird. Flüchtig, nicht zu stoppen. Wenigstens kein Stillstand.
Oder ist es doch ein Stillstand, eine Lähmung, die sich über Generationen hinweg immer weiterzieht?

„Wer links ist, muss was über Nazis schreiben.“
Hat sie einen Hitler-Bart?
Hat er einen Hitler-Bart?
Hegemonie, Hegemonie!
Wir sind das Volk.
Deutsches Blut, deutsches Blut.
„Adolf, warum hast du mich verlassen?“
Wir ersticken an den eigenen Fehlern.

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Schwarze Röcke und Lichterketten um den Hals bringen einen Funken Harmonie.
Eine Romantik, der ich nicht so recht traue.
Ist es ein Trauermarsch oder ein Lichterfest?
Sirenen im Hintergrund deuten auf eine latente Gefahr hin.

Schwarze Röcke und Lichterketten um den Hals bringen einen Funken Harmonie.
Eine Romantik, der ich nicht so recht traue.
Ist es ein Trauermarsch oder ein Lichterfest?
Sirenen im Hintergrund deuten auf eine latente Gefahr hin.

„Ich gehe davon aus, sie haben alles verstanden“.
Das Publikum lacht.
Ich lache nicht.

Mittlerweile sind sich wohl alle bewusst,
dass sich das Stück,
die Personen,
die Aussagen,
die Ideen,
die Bewegungen,
die Klänge,
die Symbole,
die Sandkörner
aufgeweicht
und verloren
haben.

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Sind wir bereit für die große Ent-täuschung?
Lernen wir aus den Fehlern, die wir in der Vergangenheit begangen haben?

Erstmal die Nachrichten gucken, vielleicht hilft das.
Bildschirm im Bildschirm.
Der Versuch, ein auswegloses Chaos zu erklären, macht es nicht besser.
Danke, aber nein danke.

Am Ende stampft die Armee doch noch. Ob das Ich zu sich kommt, bleibt offen.
Ich klappe den Bildschirm zu.

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ICHundICH von Else Lasker-Schüler – eine Produktion des Schauspiel Wuppertal –

DEDI BARON – Inszenierung – KIRSTEN DEPHOFF – Bühne & Kostüme – FRANK SCHWIKLEWSKI – Musik – YOAV COHEN, THOMAS DICKMEIS – Video

BARBARA NOTH – Dramaturgie – KRISTIN TROSITS Produktionsleitung – FELINE PRZYBOROWSKI Regieassistenz – WOLFGANG HEIDLER Bühnenmeister – ALIKI ANAGNOSTAKIS Bühnenbildassistenz – FRANZISKA BRUNS –  Kostümhospitanz

Performer: THOMAS BRAUS, KONSTANTIN RICKERT, LÉONOR CLARY, JULIA REZNIK, DOUGLAS LETHEREN, KENJI TAKAGI, PASCAL MERIGHI, JULIA WOLFF