Edan Gorlicki: „Wir müssen das Trauma der Isolation heilen“

Interview mit dem Choreografen Edan Gorlicki

Interview: Antje Landmann

Edan Gorlicki, mir ist aufgefallen, wie intensiv Sie sonst Ihr Publikum während einer Aufführung beobachten. Wie schwer war es, auf Zuschauer zu verzichten?

Mir wurde schlecht, und ich war nervöser als bei den Live-Vorstellungen sonst. Ich mache meine Arbeit genau dafür, um die Energie der anderen zu spüren, und das fehlte mir. Wir hätten neun Vorstellungen geben sollen, mussten uns aber entscheiden, stattdessen an drei Theatern das Video online zu zeigen, nur für zwei Stunden. Dadurch versammeln sich die Zuschauer zu Hause vor den Bildschirmen und teilen dieses Erlebnis. Das war eine überwältigende Erfahrung, die ich aber nicht noch einmal wiederholen möchte.

Warum überwältigend?

Direkt nach der ersten digitalen Premiere in Stuttgart ist mein Smartphone vor Nachrichten explodiert. Leute haben sich applaudierend gefilmt und mir Videos oder Klatschgeräusche geschickt. Als SMS schickte mir jemand: „Was für ein großartiges Tanzstück. Es spiegelt die aktuelle Situation in unserer Welt. Es online zu sehen, bereitet mir Theater-Fernweh, ich möchte es unbedingt live sehen, fühlen, riechen.“ Etwa 500 bis 600 Menschen in 26 Ländern hatten eingeschaltet, darunter auch meine Familie in den USA, die noch nie ein Werk von mir erleben konnte. Manche Zuschauer haben sich extra aufgedresst und Sekt getrunken. Manche waren auf Instagram live und haben gleichzeitig über das Stück gechattet. Ein Nachgespräch, um sich auszutauschen, wurde allerdings vermisst.

Wollen Sie es denn noch live zeigen?

Auf jeden Fall, die Frage ist wann. Im Juni gibt es ein kleines Fenster, in dem alle acht Beteiligten Zeit haben. Vielleicht klappt es erst in einem Jahr wieder, aber dann brauchen wir Fördergelder, um es wieder einzustudieren.

Und man weiß nicht, wie lange der Theaterbetrieb ruhen muss. Wie stark sind Sie betroffen?

Mein nächstes Projekt ist finanziert, aber es ist nicht sicher, ob ich mit den Proben beginnen kann. Aber wenn ich warten muss, dann kann ich die Fördergelder für diese Zeit nicht nutzen. Und wenn wir eine Rezession erleben werden, dann kommt die nächste Katastrophe auf uns zu. Denn die Kunst geht immer als erstes drauf. Dabei müsste man gerade jetzt mehr Geld in Kunst investieren.

Warum wird Kunst dringend gebraucht werden?

Weil uns der physische Kontakt fehlt. Wenn die Gefahr vorüber ist, werden wir uns treffen müssen, um diese Erfahrung der Isolation zu heilen. Die Gesellschaft erleidet jetzt auch ein Trauma. Wir werden erst wieder lernen müssen, Nähe zuzulassen und uns miteinander wohlzufühlen. Als Künstler finde ich es  beängstigend zu beobachten, wie Händeschütteln in der Gesellschaft zum Tabu wird.

Gerade den Tanz mit seiner Körperlichkeit wird man also brauchen?

Ja, aber sobald die Theater öffnen, müssen die Tänzer sofort wieder auf die Bühne gehen, weil sie das Einkommen brauchen. Und dann steigt das Verletzungsrisiko, weil sie durch die Pause nicht trainiert genug für die Belastung sind. Gerade wurden die Olympischen Spiele abgesagt, weil die Sportler für die Wettkämpfe nicht fit sein würden. Für die Tänzer ist es genauso. Wie viel Yoga-Stunden kann man auf dem Teppich absolvieren? Sie müssen gemeinsam proben und sich gegenseitig heben, um im Training zu bleiben.