Eine Minute Tanz pro Tag

Autor|in: Thomas Hahn
Veröffentlichung: 4. April 2020

Eine Minute Tanz pro Tag

Ob mitten in einer Demonstration, mit Bauarbeitern, in einer Bäckerei oder in der eigenen Küche: Nadia Vadori-Gauthier filmt ihren Tanz. Täglich. Schon über 1.900 Mal, wo immer sie gerade ist. Meistens in Paris. Wie durchlebt ein solches Projekt die Zeiten von Covid-19 und Social Distancing?

Une minute de danse par jour : Jeden Tag eine Minute tanzen. Nadia Vadori-Gauthier praktiziert das schon seit dem 14. Januar 2015. Täglich landet ein Video im Internet, gepaart mit einem kurzen Text. Auslöser ihrer Pop-up-Auftritte in Stadt und Land war der Schock der Attentate im Januar 2015, als islamistische Fundamentalisten im 11. Arrondissement von Paris die Redaktion der satirischen Wochenzeitschrift Charlie Hebdo dezimierten. Die Veränderung des Klimas war sofort spürbar. Seitdem tanzt Vadori-Gauthier draußen oder drinnen, allein, mit Gefährten oder mit Passanten. Es ist eine sanfte, ständige Demonstration für weniger Härte, weniger Abgrenzung. Vor allem steht ihr Projekt unter Nietzsches bzw. Zarathustras Stern: „Verloren sei uns der Tag, wo nicht ein Mal getanzt wurde!“, heißt es in „Also sprach Zarathustra“.  Aus dem Grauen des Terrors zog sie die Kraft, eine neue Phase ihres Lebens als Künstlerin zu beginnen.

https://vimeo.com/262568610

Sie tanzt und tanzt und tanzt …

Nadia Vadori-Gauthier ist Tänzerin, Choreografin und Dozentin für Performance-Kunst an der Universität Paris 8. Une minute de danse par jour entstand aus einer inneren, intimen Notwendigkeit und entwickelte sich zu einer Dauer-Performance. Heute scheint es, als habe sich das Blatt gewendet, als habe die Erfinderin die Kontrolle abgegeben. Das Kontinuum hat einen Sog entwickelt, dem Vadori-Gauthier nicht mehr entkommt. Sie wollte mal aufhören, eventuell nach 1000 Auftritten. Aber die Gründe, weiterzumachen, erwiesen sich als stärker. Längst ist die Performance selbst zu einer Protagonistin geworden und hält die Tänzerin im Griff. Verständlich: Wer will schon einen Tag „verlieren“, wenn es so einfach ist, ihn zu gewinnen? Am 5. Juli 2020 wird Vadori-Gauthier ihren 2000. Tanz feiern. Er wird  – hoffentlich – auch die Ausgangssperren wegen Covid-19 überdauert haben.

https://vimeo.com/250472792

une minute de danse screenshot©Nadia Vadori-Gauthier

une minute de danse screenshot©Nadia Vadori-Gauthier

Alltag und Attentate

Getragen von der Kraft Zarathustras, wie Nadia Vadori-Gauthier es nennt, schafft sie es immer wieder, das Misstrauen und die Verstörung der Menschen zu erweichen. Ein Lieferwagenfahrer lädt vor einer Kneipe sein Bier ab, als Nadia sich frech neben ihm auf die Laderampe setzt und ihre Arme kreisen lässt. Er kommt ins Lachen und aus dem Solo wird spontan ein Duett. Danach lädt er sie auf einen Drink ein. („danse 101“ am 24. April 2015).

https://vimeo.com/125885630

Am Morgen des 8. November 2015 erspäht sie wieder einen Lieferwagen, der gerade beladen wird. Sie gesellt sich, samt ihrer Einkaufstüten, tanzend zu den Paketen auf die Ladefläche. Der Fahrer lässt sich kaum beirren. Immerhin verabschiedet er sie mit einem Lächeln („danse 299“). Fünf Tage später, am Nachmittag des 13. November, folgt im 11. Arrondissement von Paris „Une danse avec Charlie“, in dem Bezirk, in dem die Redaktion von Charlie Hebdo überfallen wurde. Es klingt wie eine Vorahnung, denn am Abend des selben Tages werden, wiederum im 11. Bezirk, die sogenannten Daech-Attentate im Bataclan und den Cafés verübt.

https://vimeo.com/145038814

Zwei Mal Notre-Dame

Am nächsten Morgen, um 9.30 Uhr, filmt sie sich in einem stillen Trauertanz der Hände, vor einer schwarzen Wand und beschwört sich und uns: „Solidarisch bleiben, leben, Widerstand leisten, einander lieben, selbst wenn wir am Abgrund stehen“ („danse 305“).

https://vimeo.com/145796101

Am nächsten Abend, noch immer ganz in schwarz gekleidet, ist sie vor Ort, als die Glocken von Notre Dame für die Terroropfer läuten. Fast dreieinhalb Jahre später, am 15. April 2019, tanzt sie wieder am Seine-Ufer gegenüber der Kathedrale, wieder in einem Gefühl der Ohnmacht. Es ist kurz vor Mitternacht, Notre-Dame steht in Flammen („danse 1553“). Die Menschen sind fassungslos. Niemand nimmt von ihr Notiz. Außer im Internet. Wieder dokumentiert sie ein Stück Pariser Geschichte. Das wirkt authentisch, weil sie auch das banale, alltägliche Leben durch ihren Körper fließen lässt. Vor allem an den anderen, den besseren Tagen. Ihre Sammlung von Tänzen kann man lesen wie eine Zeitgeschichte, dokumentiert durch ihren Körper. Auch wenn das nie ihre Absicht war.

https://vimeo.com/330634323

une minute de danse screenshot©Nadia Vadori-Gauthier

une minute de danse screenshot©Nadia Vadori-Gauthier

Ein Porträt unserer Zivilisation

Nichts liegt Nadia Vadori-Gauthier ferner, als die tanzende Reporterin zu spielen. Ihre Präsenz speist sich aus ihrem Lebensgefühl. Ihr Körper spiegelt Sensibilität, das Bedürfnis nach Poesie im Alltag. Dieser Alltag ist so vielfältig, dass sie allmählich das Gefühl vermittelt, einen „corps-monde“ zu besitzen, einen Körper, der die Welt verkörpert: „Ich tanze im Austausch mit der Umgebung, bin weniger ich selbst, gehöre mir auch weniger selbst, bin immer rezeptiv und in Resonanz, mit einem corps-monde, dessen Inneres immer in Bezug zum Äußeren steht, beides ineinander laufend wie bei einem Möbius-Band.“ Es ist das Bedürfnis, das Miteinander trotz steigender Spannungen in der Gesellschaft nicht abreißen zu lassen.

https://vimeo.com/264788253

Das ergibt weit mehr als ein filmisches Tagebuch. Da entsteht ein Porträt unserer Welt im Alltag, mit seinen historischen Momenten und gleichzeitig in all seiner Banalität: Mit Kindern während einer Schulspeisung („danse 1102“), inmitten trocknender Wäsche zwischen Wohnhäusern in Venedig („danse 1187“), in einem Pariser Bus („danse 1132“) oder in einer Metrostation: mit jenen Militärs, die Terroristen abschrecken sollen („danse 499“).

https://vimeo.com/168219543

Begegnung mit Nello, einem Obdachlosen aus Rumänen und dessen Hund („danse 1172“), ein Solo im Hochwasser der Seine, in hohen Gummistiefeln („danse 1093“). Hat Nadia Grippe, tanzt sie in ihrem Bett („danse 1111“).

Ordnungskräfte

Nadia Vador-Gauthier ist eine politisch engagierte Person. Sie taucht dort auf, wo auch Gelbwesten, Feministinnen, Vertreterinnen der Exctinction Rebellion demonstrieren, oder alle zusammen, als GegnerInnen der Rentenreform. Sogar auf einer Demonstration von PolizistInnen bezüglich deren Arbeitsbedingungen wurde sie vorstellig und fand auch dort eine Tanzpartnerin („danse 1723“).

https://vimeo.com/363804146

Auf anderen Demos können sich selbst bewaffnete Polizisten ihr gegenüber ein Lächeln nicht verkneifen. Doch ausgerechnet im Kulturtempel Centquatre-Paris, einer Hochburg des zeitgenössischen Tanzes, wo Publikumsmagneten wie Alessandro Sciarroni oder Olivier Dubois auftreten, wo der Ordnungsdienst eher nicht grimmig sondern freundlich aussieht, ausgerechnet hier schritten die Beamten resolut ein:  Bitte, sofort aufhören! So bringt Vadori-Gauthier zum Vorschein, was unter der Oberfläche der Institutionen schlummert.

https://vimeo.com/274171551

„Nicht schon wieder mit Bauarbeitern!“

Mehr als fünf Jahre lang konnte die Choreografin und Tänzerin im Selbstversuch ihren wohl poetisch zu nennenden Widerstand artikulieren. Sie konnte Gewohnheiten und Denkschablonen den Kampf ansagen und sich selbst immer wieder herausfordern, neue Begegnungen mit Menschen und Räumen zu ersinnen. Sie gibt zu: „Mit der Zeit wird das schwieriger. Ich habe oft mit Bauarbeitern getanzt. Wenn ich heute welche sehe, sage ich mir: Oh nein, nicht schon wieder! Oder: Nicht wieder in einer Bäckerei! Nicht mehr vor einem Lieferwagen!“ Doch andererseits, warum nicht jeden Tag mit Bauarbeitern? Es geht ja um die Menschen, nicht um deren Funktion.

https://vimeo.com/143115436

Nadia Vadori-Gauthier

Nadia Vadori-Gauthier

Plötzlich Social Distancing

Routine kann ohnehin nicht entstehen. Jede Begegnung verläuft anders. Und wann immer sie will oder muss, tanzt sie allein und/oder zu Hause. Hinzu kommt, dass sie vielleicht nie eine Antwort auf die Mutter ihrer Fragen erhalten wird: „Ich will herausfinden, ob eine Minute Tanz pro Tag letztendlich einen Effekt erzeugt oder verpufft.“ Ihr Minutentanz hat mit ansehen müssen, wie die Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet. Doch niemand hatte sich vorstellen können, dass es unmöglich werden könne, auf der Straße anderen Menschen zu begegnen. Das Coronavirus, die Ausgangsbeschränkungen und das Social Distancing stellen das Projekt Une minute de danse par jour auf seine bisher härteste Probe.

https://vimeo.com/401418430

In der rue Mouffetard

Am 17. März 2020 konnte sie zum letzten Mal ein Bad in der Menge nehmen. Doch die Menschen zeigten sich bereits da schon teilnahmslos. Sie hatten Wichtigeres zu tun, als einer skurrilen Tänzerin zuzuschauen. Es galt,  noch die wichtigsten Einkäufe zu tätigen. Um 12 Uhr traten die Ausgangsbeschränkungen in Kraft. Was danach kommen würde, vermochte sich noch niemand recht auszumalen. Einige Personen trugen bereits Atemschutzmasken, andere benutzten ihre Schals. Und Nadia tat es ihnen nach, fast wie ein Clown, der Menschen hinterherläuft und ihre Bewegungen imitiert.

https://vimeo.com/398195621

Es war ihr Tanz Nr. 1890, in der romantischen rue Mouffetard, wo im Sommer die Pariser wie die Touristen in den Cafés sitzen. Eine Straße, die Frankreichs Staatspräsident in schlechter Erinnerung behalten wird, denn hier wurde sein Sicherheitschef gefilmt, der zwielichtige Alexandre Benalla, als er Demonstranten etwas brutal „unter die Arme griff“. Von da an begann Macrons Stern zu sinken.

Maximal ein Kilometer

Es sollte keine politische Anspielung sein, dass Vadori-Gauthier ausgerechnet hier zum letzten Mal – zumindest für einige Zeit – mit dem „Volk“ in Berührung kam. Ihre Tänze sind kein politischer Widerstand. Der nächste tägliche Tanz fand in ihrem Garten statt. Eine dicke schwarze Katze hoppelte durch das Bild, von links nach rechts. Macron hatte verfügt, dass von nun an jedes Verlassen der eigenen vier Wände einer „attestation“ bedurfte, die man sich allerdings selbst ausstellt. Ein Ort wie die rue Mouffetard war von nun an außer Reichweite für die Minuten-Tänzerin, denn ein Freigang dürfe den Radius von einem Kilometer vom Wohnort nicht überschreiten. Vadori-Gauthier lebt in Gentilly, einem südlichen Vorort, der direkt an Paris anschließt und von dem es sonst nichts zu berichten gäbe, außer dass sich dort ein vortrefflicher Auftrittsort für transdisziplinäre Performer befindet. Er heißt Le Générateur.

Gespenstische Leere

Am nächsten Tag ist sie wieder draußen, in Paris, ausgestattet mit einer FFP2-Maske, gerade noch innerhalb der erlaubten Zone von einem Kilometer, und zwar auf der Butte aux Cailles, dem „Wachtelhügel“ im 13. Arrondissement („danse 1892“). Es wird ihre erste Erfahrung mit einer menschenleeren Straße. Der Ort ist gut gewählt, auch wenn sie sagt, sie sei dort hin, weil sie zu ihrer Bank musste. Gut gewählt, weil der Hügel ohnehin ein beschauliches, fast dörfliches Viertel ist. „Ähnlich wie an einem Sonntag Morgen“ empfand sie die Atmosphäre. Es war ein Wochentag und deshalb geradezu gespenstisch. Sonst geht man dort zum Markt und plaudert auf der Straße oder trifft sich im Café. Man kennt sich und schätzt sich, abseits der Touristenströme. Man hat Geld und genießt das Leben.

https://vimeo.com/398793410

Nadia Vadori-Gauthier

Nadia Vadori-Gauthier

Man wechselt die Straßenseite

Vielleicht erinnerte Vadori-Gauthier sich daran, dass sie noch am 29. Februar 2020, in Spuckweite, mit ihrem Tanz den Barkeeper einer legendären Musikkneipe des Viertels amüsierte („danse 1873“). Sie hatte „keine Lust, hier hängen zu bleiben.“ Es war eine Art Vorahnung. Heute sagt sie unverhohlen, dass sie sich auf leeren Straßen bedrohter fühlt als je zuvor. Die denkt: „Wenn jemand auf mich zukommt, dann ist das eine zwielichtige Gestalt.“ Die „normalen“ Zeitgenossen sind in ihren Wohnungen. Oder sie wechseln die Straßenseite, wenn sie die Tänzerin erblicken. Niemand will mehr mit niemandem in Kontakt kommen, so lange man irgendetwas – vor allem seine Gesundheit – zu verlieren hat. Wer sich jemandem bewusst nähert, geht oft nicht gerade, stottert, sabbert und hustet. Es sind die Obdachlosen, denen kaum noch jemand beisteht und die verzweifelt Hilfe suchen. Was mag aus dem Rumänen Nello und dessen Hund geworden sein, denen sie genau zwei Jahre zuvor begegnet war?

https://vimeo.com/394659305

Geschlossene Cafés

Heute steht sie überall vor geschlossenen Cafés und dokumentiert das auch. Im mondänen Café am Carrousel du Louvre fand sie sich am 16. März 2020 ein. Es war der letzte Tag, an dem man sich noch frei bewegen konnte. Auf einer menschenleeren Terrasse, Tische und Stühle mit Metallketten gesichert, winkt sie verzweifelt einen Kellner herbei. Sie tut jedenfalls so, als ob. Die Schließung der Cafés und Restaurants war am Tag zuvor in Kraft getreten. Öfter als zuvor tanzt sie nun in ihren eigenen vier Wänden. So kennen wir inzwischen Nadias Vorliebe für kräftige Farbtöne in allen Räumen.

https://vimeo.com/398054336

Soziale Medien statt Straßenpflaster

Den Kontakt zu anderen Menschen, den sie so unschuldig-poetisch selbst in den angespanntesten Situationen durch ihren Tanz herzustellen vermochte, sucht sie nun im Internet. Wer auch immer in dieser Zeit des confinement – der Ausgangsbeschränkungen – eine Minute Tanz (oder etwas mehr) kreieren und damit an ihrem Projekt teilnehmen will, ist herzlich willkommen, ein eigenes Video auf Facebook oder Instagram zu posten, unter # oder @ uneminutededanseparjour. Bitte genau nach der Methode – feste Kamera und O-Ton – wie auf ihrer Website  uneminutededanseparjour.com nun schon bald 2000 Mal praktiziert. Wer dort am linken Rand auf die vertikale Zeile „Voir les danses“ klickt, findet ganz unten eine Einladung, „Paris par arrondissement“ zu besuchen: Das reale Paris erleben und sich von Nadia Vadori-Gauthier (ver)führen lassen.