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Anne Teresa De Keersmaeker – Sie ist die Königin im angesagtesten Kunstzentrum der Jetztzeit

Autor|in: Nicole Strecker
Veröffentlichung: 8. April 2020

Sie ist das Popidol unter den zeitgenössischen Choreografinnen, zigfach für cool befunden, zigfach kopiert, variiert, kommerzialisiert – auch wenn den meisten ihrer Epigonen völlig schnuppe ist, wer sie eigentlich ist. Anne Teresa De Keersmaeker, kurz „ATDK“, das Glamourgirl für Groupies.

Bitte wie? Das mögen jetzt vielleicht diejenigen fragen, die wissen, was auf den Bühnen der Künstlerin passiert und welches Wort auch dem passioniertesten De-Keersmaeker-Verehrer als erstes einfällt: Strenge. Auch ‘Schönheit’, klar. Oder ‘Weiblichkeit’, ‘Erotik’, ‘Sensibilität’ … Aber eben: All das ist von diszipliniertem Geist regiert. Die Meisterin minimalistischer Strukturen choreografiert nach mathematischem Kalkül und mit geometrischer Logik. Sie zirkelt präzise Linien und Formen in den Bühnenraum, analysiert exakt die musikalischen Rhythmen und weiß ganz genau, wann ihre repetitiven Bewegungsmuster abrupt mutieren müssen. Tanzkreationen als intellektuelle Topleistungen. Und trotzdem:

Ausgerechnet sie musste eines Tages entdecken: Eine ihrer Choreografien war ‘viral gegangen’, cruiste mehrfach imitiert im Netz und wurde 2011 von Popsängerin Beyoncé für ein Musikvideo raubkopiert. Es handelt sich um den Mittelteil ihrer Choreografie „Rosas danst Rosas“, dem Gründungsstück ihrer Kompanie Rosas, mit dem der Belgierin vor knapp 40 Jahren der internationale Durchbruch gelang. Aber typisch geniale Künstlerin: Wo andere sich ärgern, macht De Keersmaeker der Klau kreativ. Sie ermuntert zwei Jahre später alle Welt, ihre Choreografie nachzutanzen, sich dabei zu filmen und veröffentlichte die so entstandenen Clips unter „Re:Rosas“.

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Dann kommt der März des Jahres 2020. Kommt ein weltweiter Lockdown, der das Internet in das angesagteste Kunstzentrum der Jetztzeit verwandelt. „Hello. I’m Anne Teresa De Keersmaeker“. Hochgezogene Augenbrauen, feste Stimme, ein halbes Lächeln, immerhin. Die Choreografin begrüßt ihre Zuschauer in einem Videoclip auf ihrer Homepage unter einer neu gegründeten Rubrik: „Dance in Times of Isolation“. In einem vierteiligen Tutorial erteilt die Königin des zeitgenössischen Tanzes Online-Unterricht für die corona-kasernierte Menschheit. Nach der knappen Begrüßung geht es zur Sache. Gemeinsam mit ihrer Tänzerin Samantha van Wissen erklärt De Keersmaeker in vier Clips das Bewegungsmaterial und die Struktur der berühmten zweiten Sequenz von Rosas danst Rosas. „Alles, was ihr braucht, ist ein Stuhl“.

Tatsächlich: Eine Sitzchoreografie mit minimalem Platzbedarf. Der Oberkörper sackt zusammen, klappt wieder hoch, Arme zersäbeln die Luft, der Kopf schnellt zur Seite. Energisch und präzise sind die Bewegungen, und zugleich ist es eine Choreografie der Selbstberührung: Die Hände streicheln über den Bauch, fahren durch die Haare, fassen an die Brust – nur flüchtig, aber man muss doch schmunzeln: Typisch ATDK,  jetzt ein bisschen Autoerotik anzuregen, in Zeiten des verordneten Alleinseins, in denen Berührung durch andere zu einer tödlichen Gefahr geworden ist.

Vier Bewegungssequenzen werden gezeigt, mit A, B, C, D benannt. Danach ermuntert die Chefin dazu, die vier Module beliebig miteinander zu kombinieren, zu halbieren, auf mehrere Personen aufzuteilen etc. – Kombinatorik für Fortgeschrittene. Wer das nachmacht, hält Körper und Geist eine Weile lang wirklich auf Trab und begreift am eigenen Leib die Raffinessen des zeitgenössischen Tanzes. Auf der Homepage sind die Antworten ihrer Fans gelistet. Clips aus den Krisen-Hotspots in aller Welt, Venezuela, Sizilien, Frankreich, Großbritannien, Philadelphia, Clips, mit tanzenden Wohngemeinschaften am Küchentisch, mit Mutter und Sohn auf einem gemeinsamen Stuhl, mal glucksende Swimmingpool-Variante, mal taffes Beziehungsdrama. Ein grandioses, globales Kreativ-Feedback.

So gebührt Anne Teresa De Keersmaeker mit diesem Tutorial unter den vielen Bühnen-Blogs- und -Streams, die derzeit jedes Theater- und Tanzkollektiv postet, definitiv ein Spitzenplatz. Wenig überraschend, dieser pädagogische Triumph, diese clevere Nutzung der digitalen Galaxis. Denn die Karriere der „ATDK“ verlief schon früher zweigleisig: Als Tanzkünstlerin und als Tanzvermittlerin Vor 30 Jahren gründete sie in Brüssel das Zentrum P.A.R.T.S. und damit eine maßstabsetzende Ausbildungsstätte für zeitgenössischen Tanz in Europa. Schon in ihren Anfangsjahren erkannte sie zudem die Bedeutung des Mediums Film für die Verbreitung ihres Schaffens. Legendär ihr Film „Rosa“ mit Peter Greenaway. Mit Regisseur Thierry de Mey gelangen ihr unvergessliche Tanzfilme, darunter ihre berühmte Version von „Rosas danst Rosas“.

Auch ihrer 2012 erstmals erschienenen Publikation „A Choreographer’s Score“ lagen DVDs bei. In denen steht die zierliche De Keersmaeker in Baggy-Jeans und verrutschtem Pullover mit Kreide in der Hand vor einer Schultafel. Mit unendlich vielen Begriffen, Kreisen, Quadraten und vor allem Pfeilen begründet sie quasi jeden Schritt ihrer Choreografien, sachlich im Tonfall wie eine Naturwissenschaftlerin, die klarstellt, dass diese Tanz-Ordnung des Kosmos nun mal die einzig logische und wahrhaftige sei.

Immer wieder hat sie seitdem ihre choreografischen „Scores“, ihre Bewegungs-Partituren dem Publikum, vor allem aber wohl den Kollegen offengelegt. Außerdem dürften solche Demonstrationen systematischer Kunstarbeit nicht unwesentlich zum Prestige der Sparte beitragen. Auch dem hartnäckigsten Ignoranten machen sie klar: Zeitgenössischer Tanz ist nicht nur intuitives Rumwurschteln im Probensaal, sondern intellektuelle Exzellenz – wenngleich die Resultate dank ihrer Schönheit und Wahrhaftigkeit nicht nur den Geist stimulieren, sondern die Seele und im besten Fall auch den Körper. Kunst als Trost, Inspiration, Zerstreuung, Herausforderung. All das macht sie gerade jetzt unentbehrlich – glaubt und hofft zumindest die Kulturszene.

„Open streaming during the lockdown“ heißt ein weiteres neues Format auf der Homepage von ATDK, www.rosas,be, das am 25. März 2020 online ging. Darin Links zu Full-Length-Filmaufnahmen, die Einblick in das Spektrum ihres Schaffens geben. Da ist die nach wie vor verstörend schroff und radikal die künstlerischen Mittel nutzenden Filmversion ihres Tanztheaterstücks „Ottone Ottone“ (1991). Da ist ihre hypnotisierende Signaturchoreografie „Rain“ zur Minimal Music von Steve Reich. Und, vielleicht am schönsten, heilsamsten: „Partita 2“, ihr Trio mit dem französischen Choreografen Boris Charmatz, der Geigerin Amandine Beyer und ihr selbst als Tänzerin zu einer Komposition von Johann Sebastian Bach. Eine Huldigung an die Zärtlichkeit und Fragilität des Körpers, diesem Wunderwerk, das derzeit mit  Macht in unser Bewusstsein zurückkehrt. Eine Anne Teresa De Keersmaeker weiß eben, was die aufs heimische Wohnzimmer geschrumpfte Welt jetzt braucht. Sie wartet dort auf uns. Als philosophische Therapeutin. Ästhetisches Genie. Herausfordernde Dozentin. Und eben doch: als Role Model, cool wie ein Popidol.

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